23 Jul

Deutsche Schubladen

schubladenCopyright: Carmini/ flickr
Ist das ganze Gerede von Ost und West nicht anachronistisch? Und ist eine Kampagne, die im Westen ostdeutsche Hochschulen bewirbt, in einem wiedervereinten Deutschland nicht völlig überholt? Vertieft eine solche Kampagne nicht erst den Graben zwischen Ost und West? So kritisiert ein Professor die Kampagne Studieren in Fernost, „weil sie auf eine Stigmatisierung des Ostens setzt und mit dessen vermeintlicher Exotik spielt.“ Und das findet er „fast schon rassistisch“. (Unicum 27.06.2009) Das ist herbe Kritik, die sich letztlich an der einen grundsätzlichen Frage entzündet, von deren Antwort Sinn und Unsinn einer solchen Kampagne abhängt:

Wie wiedervereint sind die Deutschen?

Auf diesem Blog schon oft gelesene Zahlen sind: Nur 5 Prozent der West-Abiturienten würden gerne im Osten studieren. Oder aber: 81 Prozent sehen es als „unwahrscheinlich“ oder „eher unwahrscheinlich“ an zum Studium in den Osten zu ziehen. Alleine die Tatsache, dass jeder weiß, was mit dem „Osten“ gemeint ist und kaum ein Abiturient aus den alten Bundesländern sich vorstellen kann, in diesem Osten zu leben, zeigt, dass die Kampagne keine Klischees schafft oder bedient, sondern sich mit einer messbaren Realität auseinandersetzt. (Dass diese Realität auf Vorurteilen und nicht auf eigener Erfahrung beruht macht sie vielleicht irrational, aber dadurch nicht weniger wirkmächtig).

Machen wir uns also nichts vor, die Deutschen sind noch lange nicht vereint und der Osten ist für viele, die sich nicht mit den fünf östlichen Bundesländern auseinandersetzen (wollen) stigmatisiert und exotisch. Die Vorbehalte sind massiv, die Vorurteile der einen Hälfte Deutschlands gegen die andere sind Tatsache. Nun sind solche Vorurteile nichts Neues, und sie sind auch nicht Ost-West exklusiv. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat vor einem Jahrzehnt mit den Vorabend-Serien „Ein Bayer auf Rügen“ und „Zwei Münchener in Hamburg“ Erfolge gefeiert. Wie die Seriennamen andeuten, ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Erzählungen die kaum überbrückbare Mentalitätsschranke „Weißwurstäquator“. Trotz vieler Ähnlichkeiten gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen diesen liebevoll gepflegten und gehegten Animositäten der Deutschen Stämme untereinander und der Klischeebarriere zwischen West- und Ostdeutschland: Ob Stralsunder oder Eisenacher, Hamburger oder Freiburger: die Vorurteile sind uns als solche bewusst. Wir wissen, so oft wir auch über einen Ostfriesenwitz lachen, dass wir es mit einer Überzeichnung zu tun haben. Bei den Vorurteilen der Westdeutschen gegenüber den neuen Ländern sind wir uns da nicht ganz so sicher. Zu stark sind die Vorbehalte, zu gering ist das Interesse junger Westdeutscher, sich selbst ein Bild zu machen.

In dieser Ausgangslage hat sich diese Kampagne zum Ziel gesetzt, mit Klischees zu brechen. Um das zu erreichen, muss man diese Klischees erst einmal als solche erkennen und sie auch beim Namen nennen. Und genau das tut die Kampagne - wer meint hier würden Ossis und Wessis herbeigeredet, täuscht sich über die Realität. Ohne auf der längst verebbten Ostalgie-Welle zu surfen, wird das ferne Ostdeutschland nebenan thematisiert. Um Klischees entgegen zu treten, sollte man diese schließlich mit der Realität konfrontieren. Das geht sicher auch mit entwaffnender Logik – die Satellitenbilder von Google Maps zeigen z.B., dass der Osten keine zubetonierte Plattenbauwüste ist – das klingt banal, doch 28 Prozent der befragten Schüler bezeichnen den Osten als grau. Doch dieser Kampagne geht es um Schüler, von denen 39 Prozent den Osten kategorisch ablehnen. Sie treiben sich millionenfach in Social-networks rum und treten dort Gruppen bei wie „Hausaufgaben in Mathe machen Spaß“ (neun Mitglieder) oder „Schon ein Glas Hamster deckt den gesamten Tagesbedarf an Hamster.“ (5733 Mitglieder). Eine streng an den Fakten orientierte Aufklärungskampagne steht in diesem Kontext wahrscheinlich auf verlorenem Posten. Das ist sogar empirisch nachzuvollziehen: All diese seriösen Angebote gibt es ja schon seit Jahren, es verirrt sich nur niemand darauf. Jeder, der Informationen über ostdeutsche Hochschulen sucht, kann sich mit wenigen Klicks auf den Seiten der Hochschulen umfangreich und sachlich informieren, es kommen nur viel zu wenige darauf, das auch zu tun. Also muss die Kampagne schrill und bunt sein. Aber eine alberne Kampagne mit stark sächselnden Clowns, die versucht Klischees aufzubrechen, würde die meisten in ihren Vorurteilen womöglich noch bestätigen und der eingangs erwähnte Vorwurf hätte seine Berechtigung. Doch zwei Asiaten als Heimwerker, Rocker, Roboter, Beach Boys oder auch Bruce Lee-Verschnitte machen an den ostdeutschen Hochschulen keinen Sinn, sie scheitern an der Realität genauso wie die überkommenen Vorurteile. Sie treiben die Klischees auf einer abstrakten Ebene ins Absurde.

In dieser Kampagne geht es nicht um Schubladen und Klischees, derer sich jeder bedient, um sich die Welt zu erklären oder zumindest zu vereinfachen. Darin liegt ja auch die Erklärung für Klischees – sie machen alles so schön einfach. Zum Glück sind wir über das Ding mit den roten Haaren und Hexen hinaus. Das heißt aber auch, dass Klischees sich ändern, je mehr man sie mit der Wirklichkeit konfrontiert und je weniger sie mit dieser zusammengehen. Und zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer wird das auch höchste Zeit. Doch scheinbar ist das kein Selbstläufer. Aber ein deutliches Zeichen für die längst überfällige Auflösung des Ost-West-Klischees ist, dass so ziemlich jeder West-Student, der im Osten studiert, seine Vorurteile aufgegeben hat und gegen diese auch bei anderen eintritt. Deshalb liefert diese Kampagne Informationen, zeigt Professoren, Studenten, Unis, Bibliotheken, Mensen und Labore. Wir sehen Menschen die forschen, studieren und ihren Job machen, ohne dass die Himmelsrichtung dabei eine Rolle spielt.

Vorbehalte im Westen gegenüber den neuen Bundesländern gibt es nicht erst seit diese Kampagne „Studieren in Fernost“ heißt. Und hier sollt man den Überbringer der Botschaft nicht mit dem Absender verwechseln. Vor 20 Jahren ist die Mauer gefallen und es hat nichts mit PISA zu tun, dass die Westabiturienten es so wenig realisiert haben und dem Osten so fern sind. Offenbar hat ihnen noch niemand von diesen Städten, Wäldern und Stränden berichtet. Und genau das machen wir jetzt!

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  1. Martin schreibt am 23.07.2009:

    Ich würde mich von der Kritik nicht beirren lassen. Die Kampagne stößt eine sinnvolle Debatte an und rückt den Osten erstmals für potentielle Studenten ins Blickfeld der Westabiturienten. Gerade für kleine und Kleinsthochschulen ist das eine gute Möglichkeit, an Studienbewerber heranuzkommen. Weiter so!

  2. AnneL schreibt am 25.07.2009:

    Nun, man fragt sich ja schon, was da in den letzten 20 Jahren nicht richtig funktioniert hat. Ihr greift den Stier aber jetzt bei den Hörnern. Und das finde ich mutig. Deswegen schließe ich mich Martin an. Weiter so, Team Fernost.

  3. Steffi_EF schreibt am 28.07.2009:

    Ja, da ist was schief gelaufen: Warum kennen immer so viele Wessis den Osten nicht? Vielleicht einmal nicht in die Toskana, sondern “Wessilandverschickung” nach Fernost.

  4. Jens schreibt am 03.08.2009:

    Werbung muss sein!
    Hier geht’s auch nach Osten: http://dresden-forscht.de
    … und studieren könnt Ihr hier auch!

  5. juan schreibt am 04.08.2009:

    Totaler Blödsinn - “Blödi-Bohlen-Konzept”! DAS GEHT BESSER

  6. thomas müller schreibt am 07.08.2009:

    ich finds klasse.

  7. Alumno Meyer schreibt am 10.08.2009:

    “Um Klischees entgegen zu treten, sollte man diese schließlich mit der Realität konfrontieren.”

    Nicht Euer Ernst, oder?!

    Und deshalb schickt Ihr zwei klischeebeladene Asiaten mit lächerlichen Namen durch den Wilden Osten und führt Interviews mit einem Rektor, der uns erzählt, welch prominente Statuen früher mal hier studiert haben.

    Die Realität in Leipzig ist eher die, dass hier West- und Ostdeutsche studieren und man kaum noch Unterschiede findet. Zumindest treiben sich alle in den gleichen blöden StudiVZ-Gruppen rum.

  8. Eugen Team Fernost schreibt am 12.08.2009:

    @ Alumno Meyer: Du übersiehst, dass die West-Studenten in Leipzig nicht unserer Zeilgruppe sind, denn die haben offensichtlich keine Vorurteile. Und wenn sie welche hatten, dann haben sie diese vor Ort sofort über Bord geworfen. Wir sprechen hier von West-Abiturienten, die in Leipzig Lenin-Büsten und lange Schlangen vor den Warenhäusern vermuten oder auch wahlweise Ruinen. Die Vorurteile sind massiv und sitzen fest. Da muss man schon ordentlich dran rütteln.

  9. Diffusionen.de schreibt am 21.08.2009:

    Da ich als Kommentar zu einem kritischen Beitrag auf diesen Artikel hingewiesen wurde, möchte ich euch meine Reaktion nicht vorenthalten…

    http://www.diffusionen.de/2009/07/24/welche-schublade-gewinnt-eine-polemik/

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